Liebe

Kaffeehausgedanken
[Anfang August 2014]

Ich fühle mich so traurig und einsam heute und will diesem Gefühl auf die Spur gehen. Sagt man das so? Nein, man sagt: Auf den Grund gehen. Aber ich weiß gar nicht, ob ich soweit gehen will. Ich will an der Peripherie entlangmäandern, die Ränder abgrasen. „Vitali Chaconne G minor for violin string orchestra“ statt Gequassle sagt: Ich will heute nur Liebe sehen, mir soll heute nur Liebe begegnen. Ich will heute nur Liebe sein. Ich will heute nur Liebe sagen.

Jetzt sogar Sonnenbrille. Es ist so unglaublich angenehm jetzt: Die Luft. Atmen wie Schreiben. Geborgensein. Geborgenheit. Die Höhe der Häuser gibt mir Geborgenheit. Die Höhe der Häuser ist genau richtig.

Wann war ich so ein Streber – ein Lebensstreber – und habe gesagt: Ja, ich möchte dieses Leben!? Ja, du wirst fühlen dürfen. Du wirst das Geschenk des Fühlens bekommen. Du wirst alles fühlen dürfen. Und du wirst es als deinen Schatz erkennen. Hat das gereicht, um es mir zu verkaufen, das Leben, dieses Leben? Fühlen als Entschädigung für alles, Fühlen als Wegweiser, als Fortbewegungsmittel, Fühlen als Lähmung, als –                    Das Fühlen ist heute an der Schmerzgrenze. Ich kann sonst nichts mehr aufnehmen, ich will sonst nichts mehr aufnehmen – darum die Kopfhörer, darum die Sonnenbrille.

Ich möchte eine Freundin. Ich habe mich schon lange nicht mehr so einsam gefühlt, ich hatte schon lange nicht mehr solche Sehnsucht. Das richtige Musikstück zur richtigen Zeit. Kein Mann jetzt, nein, eine Frau. Eine besondere Frau. Eine andere Frau. Muss sie Verzweiflung kennen? Und Einsamkeit. Ich weiß nicht. Sie soll Gönnen kennen. Und Gnade. Wie kann ich mich – ausgerechntet ich – so einsam fühlen? Ist es Mangel oder ist es Sehnen? Ist es gar Schwelgen? Oh ja, ich schwelge genüßlich in meiner Einsamkeit, damit du siehst, was dir entgeht. Ich schwelge, ich schwelge nicht mehr in dir. Lass Schönheit sein, Vater. Und Liebe. Mehr nicht. Sie kann eigentlich nur aus einer anderen Kultur kommen und die Wärme und die Sonne von dort mitbringen. Wir kennen das nicht. Wir haben das nicht. Und wenn, dann haben wir es uns abtrainiert. Und wenn, dann war es nur als Sehnsucht, als Ahnung in uns angelegt. Und wenn, dann haben wir keine Sprache dazu bekommen, keine Gesten, keine Stimme, keine Ausdrucksmöglichkeit. Bin ich selbst so traumatisiert, dass ich immer wieder traumatisierte Menschen anziehe? Aber so stimmt das nicht. R. ist eine wunderschöne Sonnenpflanze, wachsend, heilend. C. ist eine wunderschöne Sonnenpflanze, sein Wesen, seine Worte, seine Berührungen heilend. Ich brauche erst Abstand (ein paar Kilometer, ein paar Tage, ein paar Nächte) um die Liebe zu spüren. Ich spüre sie. Sie ist da. Sie ist immer da. Ich bin so voller Liebe. So voller Erkennen dessen, was immer da ist. Immer da ist. Aber wir sind nur Menschen. Wir gehen dorthin wo Liebe und Aufmerksamkeit ist. Und je nachdem, wie die Qualität dieser Liebe und Aufmerksamkeit ist, je nachdem, wie rein, wie frei, strömend, wie frei von Schadstoffen oder wie polluted, wie versetzt mit Giften – so wachsen wir. So wird unser Strömen sein. Unsere Fähigkeit zu geben und zu empfangen. Und wir alle haben zu wenig gekriegt anscheinend. Ein großes Stück können wir einander heilen, aber das funktioniert nicht, wenn wir nicht auch uns selber heilen. Der alte Mann, der verlebte Maler-Sandler, er hat eine Sonne auf sein Tshirt gemalt. Ich könnte weinen. Menschlich ist das hier heute alles so – komisch. So – sehr? So menschlich. Diese Dosis wollte ich mir abholen, diese Dosis brauchte ich. Ich habe etwas anderes gesucht (oder eine Andere) und ich habe das gefunden: Sonne. Solange, Vater, solange wir selber nicht in der Lage sind, die Sonne anzuzapfen.

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