Russischer Raum

Kaffeehausgedanken

Es wird höchste Zeit für einen Liebesbrief an dich, meine russischen Seele…auch wenn ich um die Schwankungen meiner Gefühle weiß.

Dieser Teil meiner Seele, der hier so gar keinen Raum hat?

Deswegen Wien…weil es die perfekte Symbiose aus Ost und West ist? Auch der Norden interessiert mich dort am meisten, wo er auch Osten ist: Finnland. Estland, Lettland, Litauen.

Ich will dir schreiben ohne Zensur…aber gleichzeitig in einer Form, derer ich mich nicht zu schämen brauche.

Wer bist du? Wer wer wer.

Ich finde nicht den idealen Platz um zu verdauen hier…bereits wenn ich mir ein bisschen Raum gebe, fängt es an zu fließen in mir – doch ist dieses Fließen immer zurückgehalten – durch räumliche oder zeitliche Restriktionen – und dieses häppchenweise Verdauen ist einerseits erregend und erstickend. Aber vielleicht wäre alles auf einmal auch zu viel. Und dabei immer die Angst, Dinge zu vergessen, wenn ich sie nicht nocheinmal in all ihrer Gefühlsgröße nachgespürt habe, ihnen nicht den Raum geben kann, den sie verlangen (?!)

Ich schwappe über, bin übervoll.

Und sowohl die Fülle als auch die Hemmung ist inspirierend: Die Hemmung diese zu leben, die sich ergibt aus Selbstzensur (Selbstschutz), aus der Schwierigkeit die richtige Form zu finden: Kunst ist Abstraktion. Je konkreter, desto größer das Risiko. Das Risiko, festgenagelt zu werden, kategorisiert zu werden in eine Kategorie, die einem nicht behagt. Und ich bin sehr klaustrophob.

Und auch: Jeder geglückte Austausch, Ausdruck macht Sublimation (also Kunst) überflüssig, also ist es eine Entscheidung: bleibe ich abstrakt, sublimiere ich in eine allgemeingültigere Form oder formuliere ich mich zu der einen Person hin, so dass sie versteht, dass sie gemeint ist.

Also sind für den Künstler Beziehungen wichtig, in denen ein wichtiger Teil unausgesprochen, unausgelebt bleibt. Hier die Balance zu finden, ist schwierig. Besonders, wenn man sich fürs Glücklichsein entschieden hat (ein Glücklichsein, das aber Melancholie beinhaltet?).

Also kann man sagen: ein Künstler ist jemand, der verschraubt konstruiert worden ist, in dessen Drähte Verwicklungen und Umwege eingebaut worden sind, ein Störsender.

Geht die Entscheidung für Verständlichkeit zugunsten der Form die das (scheinbar) Unaussprechliche, Unlebbare annehmen will? Und wann ist das gut (→ Rasierklingenmädchen) und wann ist das schlecht?

Ich bin nicht satt an dir.

Die Ästhetik der Verzweiflung [Teil I]

Kaffeehausgedanken, Text

Ich weiß wie du tickst. Du tickst in Selbstzerfleischung.

Es ging nicht um den Wert der Verzweiflung, es ging darum, dass ich mir den Luxus nehme, diesem Gefühl nachzuspüren, wenn ich es schon habe, dass ich aufhöre zu rennenrennenrennen für einen Moment – und für diesen Moment bin ich in ein Café gefahren

jetzt

schlage ich die Hände vors Gesicht, würge das Weinen meinen Hals hinunter wie ein Reibeisen und mein Impuls wäre nach hysterischer Geste. Jedes Nein von der Welt kostest so viel, schon so lange Zeit brauche ich ein Ja – letztes Jahr haben eine Reihe von Neins zu Begegnungen und Erlebnissen, zu einer Herzenssatteheit geführt.

Können wir einander mehr sein als Gespräch? Als Gefäße, den anderen aufnehmend oder zumindest soviel, bis wir überfließen.

Verzweiflung rennt

schlägt um sich

Verzweiflung hört nichts mehr und sieht nichts mehr.

Ein Mädchen, das ich einmal kannte schluckte immer wieder Rasierklingen – ich sehe plötzlich und verstehe es plötzlich als unglaublich starke schöne Performance, nichts könnte drastischer sein in seiner Bildhaftigkeit, in seiner Klarheit.

[Café Tabac]

Kaffeehausgedanken

Und ich möchte mich zu dir hinschreiben, aus diesem dumpfen, roten, warmen Grund.

Wer bist du?

Das ist die beste Frage.

Das ist die einzige Frage.

That keeps you on your toes.

Wir – Komplizierten – zersprengen, zerspringen, versuchen wir einander zu fassen, in 1000 Scherben, lichtzerstreuend und -reflektierend dabei.

Wie könnte das Selbstbewusstsein eines solchen Menschen aussehen?

Kann es je mehr sein als eine Maske, die kurzfristig alles zusammenhält?

[Wien-Portugal-Wien-Liverpool]

Diary, Kaffeehausgedanken, Text, Traum
Es ist nicht nur wichtig, dass man ergänzenden Humor hat, es ist auch wichtig, dass man ergänzenden Ernst hat.
Ob das Rosa (des Moleskine-Hefts) meine Schreibe beeinflusst?
Zu viele Spiegel.
Besonders am Ort des sich-selbst-Vergessens sollen keine Spiegel sein, dürfen nicht.
Der Tag eines Kindes:
eine Kette entsetzlicher Dramen, von denen jedes einen Erwachsenen zugrunde richten würden.“
[„Wider die Jugend“ Robert Poulet]
Leben heißt Boden verlieren.“
Drei Uhr morgens.
Ich nehme diese Sekunde war, dann jene. Ich ziehe die Bilanz jeder Minute.
Wozu das alles!
Weil ich geboren wurde.“
[„Vom Nachteil geboren zu sein“ Cioran]
Unsere Unzulänglichkeit.
Unsere Menschenmängel.
Eine hohe emotionale Dichte, eine hohe Zwischenraumdichte ist ihnen zu eigen.
Wie andere sich gerne reden hören, sehe ich gern den schwarzen Fluss meines Geschriebenen. Es befriedigt mich, es beruhigt mich.
Ein Emotionskraftwerk oder Emotionenkraftwerk – nicht im Sinne von Sublimation, sondern viel technischer.
Emotion => Strom
Emotionsstrom.
Angststrom.
Ich wäre ein großartiges Kraftwerk.
Die Gewaltsamkeiten des Tages.
Ich komme runter…von den Gewaltsamkeiten des Tages, von den Gewaltsamkeiten in mir. Von den Gewaltsamkeiten, die aus mir kommen um umgehen zu können mit der Situation.
Einen sehr schrecklichen, sehr morbiden Traum hatte ich, aus dem ich aufwachte:
Lag auf einem Bett, wusste erst nicht, wer bin ich, wer liegt da, wer ist tot? Ist es Amy Winehouse? Aber ich war Amy Winehouse – ein Hybrid aus ihr und mir im Gesicht, ihre Haare und Make-up allerdings, dickerer, weicherer Körper.
Ich/Amy Winehouse also lag im Bett mit einem verwesenden Pferd. Man sah schon die Rippenknochen freigelegt auf der oben liegenden Seite – aber die Nüstern atmeten noch!
Und ich frage mich, was es bedeutet.

Café Jelinek

Kaffeehausgedanken

Image

„Emptiness is such a lonely affair“
Ich will deine Decke sein.
In einem großen Bett, das an der Wand mitten im Raum steht, der sehr offen und luftig ist, eine offene Balkontür mit Holzjalousien, ein wehender durchsichtiger Vorhang, Holz, Steinfliesen, Stoff. Trägheit. Wärme.
Ich weiß nicht, wie ich mich zu dir hinformulieren soll. Ich schäme mich. Meine Worte sind auf jeden Fall immer zu kitschig. Und ungebührlich.

Lieblingsschmerz

Diary, Gedicht, Kaffeehausgedanken

Dass ich dir schön genug sein könnte,…

Aber ich glaube, du meinst es.

Ich glaube immer, meine Liebe zu dir könnte dich beleidigen, empören,

weil sie so besitzergreifend ist, weil sie sich anmaßt, dich zu kennen,

weil sie so schmerzvoll ist.

Sie ist ein Ring mit Stacheln nach innen. Nicht immer.

Aber manchmal.

Ich will dir angenehm sein….aber ich will dir auch Schmerz sein?

Aber es wird immer ein anderer Schmerz sein. Ich bin nicht dein Lieblingsschmerz.

Ich bin nicht dein wichtigster Schmerz.

So werden wir in der Gegenwart gehalten: zwischen Schwebeschnüren aufgespannt,

[Das süße Leben]

Schnüre in die Vergangenheit,

Schnüre in die Zukunft,

dazwischen – zitternd, im Schwebezustand – wir.

Atem, der uns hier hält, uns den Moment bewusst macht, das Jetzt, Atem, meine Hände um die heiße Tasse Kaffee, Musik, die mich wiederum wegträgt – nach vorne und nach hinten.

[Ich will in die Dinge nicht eintauchen wie ein Wissenschaftler. Ich will in die Dinge eintauchen wie eine Künstlerin.]

Kaffeehausgedanken