Sommercafé

Kaffeehausgedanken

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Ich bin angekommen in meinem Schreibexil, meinem Exil vom Café Jelinek, das meinen Schreibplatz gekillt hat, zumindest den Sommer über. Steinerne Kühle, Ornament light, Grüns und Türkise, ich wünschte, es wehten Ventilatoren, nur um meine Füße eine annähernd kühle Brise. Aber Yasmine Hamdan läuft und kein Baustellenlärm stört (wie gerade im Café Kafka), es ist angenehm leer, man kann sich einen Luftzug vorstellen.

Kaffeehausminiaturen, Farbminiaturen

Kaffeehausgedanken

[4.3.13]

Meine Schrift ist mehr hier im Moment, schlaufiger, aufgerichteter, weniger nach rechts ziehend, weniger gehetzt heute?

Die Marmortische sind so kalt, ewig kalt, und die Hitze des Ofens ist auch ohne Liebe. Ausgerechnet das dumm-schöne Gesicht der Kellnerin spendet Liebe – ist ein Liebe-Mond (ein Liebemond), strahlt Liebe aus ohne Wärme.

Nein, niemand, der der Freundlichkeit fähig ist (der Freundlichkeit, die nicht muss und die nichts will) kann jemals dumm sein.

Sehr reiche Menschen sind das (sind wir manchmal), wenn sie der Freundlichkeit fähig sind.

Gestern sprachen die Karten nicht mehr zu mir – ohne Gefühl, ohne Richtung, ohne Auffangbecken und Wegweiser für meine Obsession war ich. Was macht die Obsession dann? Die arme kleine Obsession.

Gestern, als wir sangen im Park und auf dem Heimweg und ich nicht so laut singen und lachen konnte wie ich wollte, schmerzte mein Kiefer unglaublich. Das ist das Symptom gerade: Explodierende Lust zu lachen in mir, Glück, das einfach sein will, sich ausdrücken will, um seinetwillen, le bohnheur pour le bonheur – um trotzig, widerständig seine Existenzberechtigung einzufordern, seine Farben, seinen Tanz, sein Lachen. Und Angst davor oder Scham, nicht die adäquate Ausdrucksweise dafür zu haben, keine Kanäle, um es in der ihm adäquaten Form nach Außen zu bringen. Nie gelernt. Verlernt?

Große Scham und großer Widerstand, große Hemmung, wie beim Erlernen einer neuen Sprache, bevor man sie zum ersten Mal spricht. But dying to do so.

Der Mitteilungsdrang, der Entäußerungsdrang. Warum? Wozu? Maybe I should just shut up.

[28.2.2013]

Hässlicher blauer Kugelschreiber. Er fühlt sich hässlich an und er schreibt auch hässlich.

Doch, das Kafka war der richtige Ort um herzukommen – mit meiner Erschöpfungfreudebefreitheittraurigkeit.

Ich merke, wie ich Farben trinke. Wie sehr ich Farben trinke heute und wie glücklich es mich macht.

Der erste Schluck Wein kommt in meinem Körper an. Er kommt jetzt an und ich komme an – nein – ich bin noch immer zerteilt und zerpflückt in viele Moleküle, die ungefähr da herumschweben, wo ich sitze.

Immer wieder Pausen zwischen den Musikstücken – dann kommen sie, laut und wuchtig, holen mich ab und nehmen mich mit. Und das ist so wunderschön, dass ich laut lächeln muss. Mit laut meine ich, dass es durch meinen Körper explodiert. Überall aus mir herausdringt, ich zerfließe.

[8.2.13]

Bewusst und tief atmen – das bringt einen sofort in den Moment, an den Ort. Ich atme den Kaffee ein – die starke Schwärze – und ich atme besonders die Grüns ein. Die Grüns, alle Grüns des Café Jelinek. Die Grüns der Sitze und das zufällige Grün, das das Plakat hinter dem Milchglas (mit dem Blumenmuster) ergibt.

[Café Kafka]

Kaffeehausgedanken, Traum

Heute Nacht [im Traum] viel See, Moor, Haus, Holz, Wald. Aber unheimlicher See.

Sommer, Wärme, Sonne, aber kalter Sommer, kalte Wärme, kalte Sonne.

Ich belästige mich selbst, ich berühre mich selbst.

Wenn du reinkämst, wäre es keine Überraschung. Wenn du durch den Regen hereinkämst, ins warme Wohnzimmercafé, in dem ich dich erwarte und auch nicht erwarte.

„Denke ich mich ständig zu dir hin.“

Vom Versuch, hier zu schreiben

Kaffeehausgedanken, Text

Warum nur – oh alle Höllen – wurde es so jung und hip? Ihr Arschlöcher! Wo sind die trübsinnigen alten Männer? All die Künstlichkeit, die kaugummikauende, silberbuntglitzernde, geschminkte, rauchende, gesichterschneidende Künstlichkeit – wer hält das aus?

Wie soll ich hier über sprachliche Untersuchungen schreiben, über Verletzlichkeit eben bei dem Versuch, sich unverletzlich zu machen?

Meine frisch gewaschenen Haare, meine ganze hellgelb-rosa Frische – aufgesaugt von Rauch und schwarzem Kaffee. Gut, die Schwärze des Kaffees und das Braun der Möbel, die ganze verschlissene Braunigkeit, der brennende Ofen ist ja gut, ist ja der ersehnte, dem Schreiben – der Schreibe – wegbereitende Raum.

(Sie erzählt mir meine Gedanken, mehr noch, meine Gefühle. Ich sehe sie gerne an, sie und ihn, ich sehe diese Menschen gerne an – und ihre Interaktionen. Ich kann nicht genug kriegen davon. Ich mag es, wie sie sanft und unsichtbar (so sehr, dass ich nie sicher sein kann, ob sie es wirklich tut) auf mich eingeht.)

(Nicht die Frage: „Was hast du heute für die Farbe getan?“ [Matisse], sondern: Was hast du heute für die Schwingung getan? Für die Harmonie? Für deine visuelle Umwelt/Umgebung?)

(Und so geht es durch die Augen ins Herz und aus dem Herzen durch die Augen.)

Der Sinn der Schreibe, der Sinn des Erlernens dieser Sprache ist, war: Unantastbarkeit, Unangreifbarkeit, Unverletztlichkeit – aber, so stellte sich heraus, beschreibe ich in meinem Text einen Prozess der stetigen Anreicherung, der stetigen Identitäts(neu)-Bildung durch Zerfallen und wieder Sammeln. Also Entblößung, Nacktheit und Wieder(neu)-Einkleidung, Entblößung und Maske.

Also: die Sichtbarmachung der Verletzlichkeit.

Gedicht

Gedicht, Kaffeehausgedanken

Eine Frau, die sich an mich schmiegt. Ich würde sie unter meine Flügel nehmen, meine Arme, die schwarze Flügel sind.

Cafés. Geborgte Wohnzimmer. Geborgte Freunde. Geborgte Parties.

Überall stoße ich an – die Welt: voller Ecken.

Ich schreibe um die Wette. Ich schreibe mich an mich heran.

Ich nehme die Worte und forme etwas wie aus Ton – und zerstöre sie wieder. Moor. Schlamm. Habe meine Blassheit wieder.

Wie, die an der Welt depressiv werden, finden einander? Und wenn es einer – mit ähnlicher Disposition – nicht wird, dann ist seine Gegenwart höchst begehrenswert.

Muse zu sein für unbekannte Freunde – ist das ein Beruf? Wo bist du, die meine Gedanken zu Worten formt?

Grantige Kellnerinnen. Super. Ich will auch einen Job, in dem ich grantig sein darf.