Märzdestillat

Foto, Kaffeehausgedanken

[Plötzliches wieder verliebt-Sein in die Stadt — Vergleichende Skulpturstudien: erste Bezirk-Göttinnen wider Heldinnen der Arbeit im 3. — weitere Ergebnisse völlig subjektiver Farbforschung]

11.3.15

Mit seinem schwarzen Schwung aus Schnee,

mit seinen Zedernhufen.

12.3.15

Ich muss heute mit Worten malen. Sonst zerplatze ich an Farbmangel. Erzeugen Farben in mir Vitamin D, so wie sonst nur Sonnenlicht?

Hübsche japanische Kellnerin hat eine curryfarbene Jacke an. Heute essen ganz viele Menschen hier Matcha-Eis!

Ich möchte, dass das ein farbenstarker Frühling und Sommer wird.

Ich brauche das an Männern, dass sie Grunge-sozialisiert sind. Das war die letzte romantische Epoche, das war die letzte romantische Ästhetik. Kurt Cobain wie zuletzt nur Goethes Werther: Verletzlichkeit ist Rebellion.

Atmen, Atmen und schreiben.

Schreibend Atmen.

Layers. Verschiedene Ebenen der Begegnung. Anscheinend passiert das mit meinen Beziehungen, mit meinen Freundschaften.

Meine Fotos erzählen eine Liebesgeschichte mit Wien und von Totalität in der Begegnung mit Menschen hier und dass ich hier richtig bin.

Furchtlosigkeit in den Bildern von X. Satte Farben. Bei aller hoher Energie etwas in sich Ruhendes. Formgefunden Habendes. Gefahr, Schwindel und Mut in den Bildern von Y. Zutiefst. Irgendetwas fühlt sich zutiefst an. Ich bin fast 30 Jahre älter als du…das ist so absurd, fast abstrakt. Es kommt wie ein Schock für mich, das Gefühl, dass man trotzdem verwandt sein kann. Dass man miteinander reden kann. Und schreiben und hier sitzen, das fühlt sich so zutiefst befreiend an, wie Atmen. Tief tief atmen und leckerste, sauerstoffsatte, in transparenten Regenbogenfarben schimmernde Luft einatmen. Atmen, das sich anfühlt wie essen und trinken. Atmen, das mich so zutiefst sättigt und mir gleichzeitig diese so sehnende-zehrende zutiefste Unstillbarkeit öffnet. Existentiell. Existentiell bist du. Und deine Gefühle sind zutiefst. Kann das sein. Ein Kind, dessen Gefühle nicht flüchtig sind. Dessen Gefühle nicht wie Launen sind? Ein Kind, das zutiefst fühlt.

Beschränkungen des Ausdrucks, Limitierungen der Zeit, des Raumes (Platzes tatsächlich) erhöhen den Druck – meinen Ausdrucksdruck. Jetzt pfeifen die Ventile schon..!

13.3.15.

Das Café Jelinek ist bis zur Schrecklichkeit voll an einem Freitag vormittag. Und ich dachte mir, ich wäre früh hier gewesen. Aber es gibt Menschen (mit Kindern), die haben ein anderes Früh.

Mir kommt vor, ich rieche noch nach dir. Ich röche noch gern nach dir. Und gleichzeitig nicht. Nach Fleisch. Und rosa. Und rosa kalt.

Ganz viel Lippenstift auf meinem Häferl. Wien. Meine Wiengeschichte. Brüste. Frauen. Frauenskulpturen. Frauenfreundschaften. Diese merkwürdige Figur mit dem strengen männlichen Kopf und den Phantasiebrüsten.

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Und es ist so, dass sich in einem etwas geändert hat und dann begegnet man im Äußeren anderen Situationen, anderen Umständen. Ich frage mich gerade, was die Farbe und welches die Form ist, die diesen Umwandlungsprozess intensiviert? Vielleicht ist es eine Blume mit großer exotischer Blüte. Vielleicht diese Blumen, die ich da im Jelinek sehe. Rosa, magenta und weiß. Mit grün, natürlich. Ich bitte um die richtige Form, die richtige Blüte, die richtige Farbe, die richtige Farbkombination für diese Umwandlung.

Orange + Violett = Ich werde gesehen.

Orange, violett, grau, königsblau + mintgrün = Ein Netz zusammenweben.

Königlich königsblau = step into your place, lightly, earnest, humble, the unknown zone.

Rosa + weiß = OM: Das personifiziert OM in Form einer weißen Hirschkuh mit graubraunweißen Sprenkeln, blumengeschmückt = Das Vertrauen, das immer da ist.

1.3.15

Es gibt kein sie auflösen. Man kann sich ihr nur hingeben.

Ist das die Entsprechung der Yoga Position “die Sphinx”? Auflösung ist Unterwerfung. Ist der Versuch (das Rätsel, das Bild, den Menschen) aufzulösen immer der Versuch das Rätselaufgebende zu unterwerfen?

6.3.15

Alle Berührung stets bei sich behalten zu müssen. Nur mit mir allein. Nachzufühlen, nachzuweinen – reicht es?

Orangerot, glühend, besonders in Kombination mit Neonfarben in Ethnomustern heißt: hinein ins Leben. Voller Freude. Saftig, strahlend, anpackend. Ohne Furcht.

Die grüne Haube

Diary, Skizze

grüne Mütze

Ich wäge meine Grüns ab: Emerlad, Smaragd, Mint, Olive & Petrol. Schon jetzt bin ich ruhiger, wo ich endlich diese Farbe, diese Schwingung tragen kann. Und ich frage mich: Geht es dabei um die Reflexion oder die Absorbtion? Wenn ich nun also grün reflektiere – welche Schwingung absorbiere ich dann? Wirkt also eine Farbe nach außen und nach innen?

Letzter Stand der Farbforschung (meiner): Manchmal kauft man Kleidung, die Projektionen eines zukünftigen Ichs sind. Man muss erst noch hineinwachsen. Mutig sein. Farbbedürfnisse (-obsessionen) sind momentan wirksame und notwendige Entwicklungsschritte, -hinweise und -hilfen der greifbaren Zukunft.

 

[Farben im Café Kafka]

Kaffeehausgedanken

Der zuvielte Kaffee.

Der zittrige Kaffee.

Ich bin schön geküsst. Apricot geküsst.

Beerenfarben. Erdbeersorbetfarbengeküsst.

Schon vor meinem Lippenstift. Mein Lippenstift übermalt das Erdbeerfarbene meiner Lippen mit dem helleren Apricot.

Es ist unglaublich, wie sehr mein Bild in diesen Raum hereinverwittert ist. Wie sehr sich die Farben des Bildes und des Rahmens und des Raumes einander angepasst haben.

Und da sitzt wirklich ein Junger in gelbem Tshirt und grüner Jean, kein Hipster, also einer, dem wirklich Kreativität zugetraut werden kann – und liest: The Catcher in the Rye. In rot.

Schön.

Alles schön.

Musik schön.

Körpergefühl schön.

(Trotz Kopfwehs.)

Innere – äußere Temperatur in Harmonie.

H    A    R    M    O    N    I    E

Langsamkeit schön.

Innere Bilder: schön.

Frei fluktuierendes Begehren mit Landungspunkten.

Wunderschönen Landungspunkten, auch wenn diese Orte provisorisch sind, wechselnd sind. Das macht es auch viel romantischer. Und scheiße, ist Wien romantisch in diesem maienhaften April. In diesem Sommer im Frühling in Wien.

 

Gedanken von Menschen in Kaffeehäusern denken sich in den Raum hinein, überschneiden sich.

Kaffeehausgedanken, Text

Ich bin überhaupt belustigt. Meine Mundwinkel sagen: Belustigung. Was belustigt mich? Was verschafft mir Lust? Geheimnis. Gefühle. Dunkelheit.                                                     Strange is my pretty.

Nie genug, du Mumie, du Freiheitsvogel, nie genug.

Ich saß weinend, wirklich weinend im Café Jelinek mit R und dann auch lachend, richtig laut lachend über den dummen Lacher eines anwesenden Herren – so sehr lachend, dass mein Lachen auch dabei war, sich in einen dummen Lacher zu verwandeln – und es wäre dann eine unendliche Spirale sich gegenseitig befruchtender dummer Lacher geworden.

Eine Enzyklopädie des Scheiterns.

Gefühle, Liebe und Fairness haben eh nichts miteinander zu tun.

Das Jelinek tropft. Es tropft tatsächlich aus der Theke heraus. Ein Wasserschwall aus der Theke.

In der Dunkelheit waren ganz viele Glühwürmchen. Ich, mein Gesicht, mein Körper bestanden aus Glühwürmchen. Veränderten so ständig meine Gestalt und blieben doch ich.

Chronische Minitraumata.

Zwei gutgekleidete Mädchen mit schönen Haaren. Kann ich etwas dafür – für das, was sich durch mich ausdrücken will?

Eine, die ich zum Trösten in den Arm nehmen kann, eine, die weinen kann bei mir, solange sie will. Die Welt für mich ist voller ernster Inhalte. Und ernst ist mein Blick. Und ernst ist, was mir Spaß macht. Ernst ist auch sie, glaube ich. Ernst und existenziell und radikal ihre Freuden. Haben wir einander verkannt? Kannten wir einander je? Ahnten wir einander nur? Kann man mehr, als den anderen ahnen? Neugierig und zugewandt sein? Nein, mehr kann man nicht.

Ideale sind Strenge. Sind Enttäuschung.

D sagt, es gibt so viele Jobs, in denen es darum geht, dass Menschen sich äußern. Warum gibt es keine, wo es darum geht, dass Menschen sich innern?

Das Sackgesicht mit Laptop, Zigarette, Handy und Sackgesichtbrille und coolen oldschool Turnschuhen glaubt, der Platz unter meinem Bild ist sein persönlicher Arbeitsplatz, sein cooler, schicker Kaffeehausschreibtisch. Haut schon ab. Hört auf zu handyphonieren und haut ab, ihr ästhetischen und akustischen Verunstalter.                                                          Der Vormittag der Schreiber wäre das ansonsten.

So sitzen wir und schreiben. Momentan ohne Störobjekt, an dem man sich abschreiben, abarbeiten kann.

Lauter kleine Geschichten in mir und so viele Bilder. Und Bildergeschichten. Die nur so rausfließen aus mir. Das ist schön. Und ich bin etwas auf der Spur: Den Überschneidungen, den Durchdringungen von Bild und Erkenntnis. Wo eine Linie in eine Fläche fließt und wie, so wird mir gleichzeitig etwas über Beziehungen klar. Mir wird klar (ich spüre ihn) den Zusammenhang zwischen Farben und Gefühlen, Bedürfnissen.                                                                                                                                                                          Das so, auf diese Weise, neuentdeckte Spiel von Linien (in verschiedenfarbigen Tuschen) und Farbflächen (durch Aquarell und Wasser) macht mir Spaß – es fließt mit Leichtigkeit. Zu leicht? Und dadurch die Bilder zu leicht? Zu illustrativ?                                                     Wie in Kunsttherapie, nur…die Intention ist eine andere. Ich will etwas erreichen – einer bestimmten bildlichen Vorstellung nahekommen. Eine ästhetische Vorstellung – ausgedrückt durch eine figürliche Aufstellung – eine Positionierung von Gestalten zueinander. Eine Zugeneigtheit der Köpfe.                                                                                Die auf-den-Boden-Bringung. Kinderkriegen ist die ultimative auf-den-boden-Bringung.                                                                                                                                 Schreiben ist für mich die Materialisierung von Gedanken.                                                   Gedichte transportieren schon mehr als Gedanken – Gefühle, Sehnsüchte – evozieren Atmosphären. Und dann Zeichnungen erst! Und dann erst, wenn die Linie sich auflöst…!                                                                                                                                       Wenn die Linie, die Zeichnung zur Malerei wird – Gefühl pur. Alchemie! Umgehen, Umrühren, Erschaffen mit Farben ist Alchemie!

Dann flüstern wir wieder – die Köpfe einander zugeneigt. Mit den Händen und Armen die andere dabei haltend. Ihr Strähnen aus dem Gesicht streichelnd. Als wäre es das Selbstverständlichste. Denn das ist es.

Man bringt sein frischgewaschenes Haar ins Café und dann ist es verraucht. So ist das.

Diese Selbstverständlichkeit zwischen ihnen. Diese selbstverständlichen Berührungen. Dieser altbekannte Stich von Eifersucht. Schön. Ich kenne ihn gut. Immer verborgen. Darf man ihn aussprechen? In dem Moment unmöglich, unschicklich. Darf man ihn später aussprechen, lächelnd?

Ich habe heute ihre Anfangsaggression umgewandelt. Oder sie hat. Erstaunlich – jemand kommt einem lächelnd entgegen und doch hat es etwas Aggressives. Wusste nicht, wie ich es in Worte kleiden sollte, deshalb hab ich ihren Händen Ton gegeben.

Magersüchtige, geschlechtslos-seien-wollende Jugendliche. Die Geschlechtergrenzen-aufheben-wollende Jugendliche.

Ich fand es irgendwie schrecklich und beleidigend, dass sie meine Sehnsüchte spürte. Meine Sehnsucht nach Berührung. Was kann ich dafür, dass ich ein verschmuster Mensch bin? Passt nicht zu meiner „Männlichkeit“, oder?                                                        Dang.                                                                                                                                                                                                  Dang!                                                                                                                                                                                                        Ich mag das Wort.                                                                                                                             Ich mag es, auszuatmen.                                                                                Ausatmen.                                                                                                                                                                                             Muss am Sonntag malen.                                                                                                 Berührung, ja. Jetzt fängt das wieder an. Hat er zuwenig Testosteron für mich?

Menschen Menschen Menschen Menschen. Wir lernen voneinander. Auch, wenn wir einander nur in Träumen treffen.

Freitag Nachmittag und die Menschen trinken Bier im Café Kafka. Heute arbeite ich mit Blicken. Ich sitze hier und schreibe wie Jazz. Ich sitze hier, trinke meine Kaffee wie Jazz.                                                                                                                                                    Ich wippe meine Beine, bewege meinen Körper wie Jazz. Meine Hand gleitet übers Papier, die Linien malen – wie Jazz. Ich spreche Worte (mir in meinem Kopf aus) wie Jazz.                                                                                                                                          Rhythmus.                                                                                                                                                                                              Der Tag hat Rhythmus.                                                                                                                    Du, du, du. Könnte dich jederzeit sehen. Nur die Substanzen müssten weniger werden.

Ein quietschendes dickes Mädchen.                                                                                    Ungefühlte Umarmungen.                                                                                                       Dickes Quietschemädchen.

Ein bildhaftes Schreiben – ein literarisches Malen.

So viele Menschen. Ich trage so viele Menschen mit mir herum. Mir wird schwindelig davon. Von den ungesprochenen Gesprächen. Von den nur in meinem Kopf gesprochenen Gesprächen, bei denen ich beide Stimmen übernehmen muss.

Wenn Worte Farben hätten? Zwischenraum hat ihn. Nur manchmal sichtbar. Aber im Kunsttherapie-Bild auf alle Fälle. Die Farben einer Emotion. Ihre Form. Ihr Form geben. Und sie so einfassen, einordnen, weniger beängstigend machen?                                Farben sind auch Wegweiser? Farbsehnsüchte. Wie Sehnsüchte überhaupt. Kräfte. Ziehende (und anziehende) Kräfte.

Goldfische – für mich: Fließen, in Bewegung sein? Fülle? Sich bewegende, in Form gegossene Farben?

Wie ein Teil von mir soll sie sein. Der wärmere, selbstverständlichere, unkompliziertere Teil. Gleichzeitig mein Schutzengel, meine weise Freundin und meine Geliebte. Jetzt muss ich gleich weinen. Muss ich dieser Mensch werden? Oder ist das nie ein existierender Mensch, sondern ein Mensch, der zwischen zwei Menschen entsteht? Der Mensch, der wir aneinander werden. Idealerweise: minus Schmerz, minus den Ängsten. Oder gehören sie dazu, der Schmerz und die Ängste?

Um Glück zu leben, brauchen wir einander, wir Menschen. Aber unsere Glücksvorstellungen sind so verschieden. Dilemma.

Du warst ein kühl-warmer Mann.                                                                                                   Ich kühl-wärme dich.                                                                                                                        Ich wärme dich.

Was zeichnet den „russischen Tag“ aus? Eine Paralleltür? Eine Ahnung? Sehnsucht? Es fühlte sich fast wie Erfüllung an…oder Sehnsucht, die sehr nahe an Erfüllung schon dran ist. Ein Wohlgefühl. Eine Tiefe. Tiefe Tiefe. Eine tiefe Tiefe. Das Gewitter in der Nacht. „Der Sommerregen ist anders“, wie das Mädchen neben mir bemerkte.

Wohlgefühl des Körpers ist Freiheit der Blicke und Gesten.

Nicht nur Farben geben –                                                                                                       sondern Farbe sein.                                                                                                                  Sonne sein – und Mond sein – und somit alle Farben und alle Schatten sein.