Eine Jännergeschichte

Diary, Kaffeehausgedanken, Skizze, Text

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[16.1.13]

Wieder ein russischer Tag.

Mindestens zwanzig Minuten durch die Schneemassen ins Kafka gekämpft.

Glücklich, nass, kalt, warm.

Verlangsamt, still, leise, verwundernd, allein auf meiner Glücksspur.

Alles ist so gedämpft, dass meine Ohren dröhnen.

Es ist lustig, auf Gedankengoldminen zu stoßen – und dort andere zu treffen, die von anderer Seite, durch einen anderen Eingang unvermutet auf dieselbe Gedankengoldmine gestoßen sind.

Alles aufs Spiel setzen, anstatt zu spielen

Ich soll das ausgleichen, nivellieren, auf ein Durchschnittsmaß bringen, wie alle anderen?

Warum soll ich?

Sollen doch alle anderen so sein wie alle anderen.

[17.1.13]

Déjà-vu

Völlig belanglose Situation – dieses kurz davor – aber vielleicht geht es nicht um diese Situation, sondern um einen ganz anderen Zustand des momentanen „Kurz Davor“. Vielleicht hat man Déjà-vus von unbedeutenden Situationen, Szenen, die in entscheidende Lebensphasen eingebettet sind.

[19.1.13]

Farbensehnsucht

Farben Farben Farben

Punkte und Streifen

sind meine Rettung

Ornament

Matisse – ich muss Matisse ansehen.

Matisse kann mich jetzt trösten wie Sufi-Musik.

[21.1.13]

Über Masken wollte ich heute schreiben.

Die Masken, die meine Figuren teilweise aufhaben – oder zweifarbige Häute.

Deshalb fand ich auch die zweifarbige asiatische Frau aus Yoga so schön. Wirklich schön. Die zweifarbige Frau, die gefleckte Frau, ich frage mich, ob ich ihr Gesicht wiederfinden kann im Malen.

(Warum setzen sich heute alle an Tische so nahe bei mir? Entweder ich bin unsichtbar oder ich bin heute sehr zugänglich.)

Ich habe mich so bemüht, eine Sprache zu finden, eloquent zu werden, dass ich mich jetzt frage, ob denn die Worte nicht größer geworden sind als die Bilder, als die Farben. Doch interessiert mich gerade das – die Überschneidungen, die Durchdringung von Schrift und Bild.

Es ist wunderschön und faszinierend, wie mir ein (altes, vor Jahren gemaltes) Bild gerade dann wieder vor die Augen kommt, wo ich erst seinen Sinn verstehe. Wo es von neuem mit Sinn gefüllt ist. Die Durchdringung von Digital und Real.

Sie (sie sie) ist den Menschen in ihrem Leben mit so viel Liebe und Achtsamkeit verbunden. Ich bin durch (fluchtmöglichkeitverschaffen wollende) Masken und Schleier von ihnen getrennt.

Können Worte dem Bild vorausgehen (sprich: Konzept. Sprich: Arbeitsanweisung)? Sie können es versuchen. Letztlich kann es nur eine ungefähre Richtungsvorgabe, eine Startvorgabe sein, anhand derer man tiefer geht oder woandershin. Offen sein muss für das, was kommen mag.

(Eine Gruppe kleiner Jungs kam rein – Schneeballschlacht noch in ihren Gesichtern, Lachen und Zigarette hinterm Ohr – ihre ganze tollpatschige, laute Jungsenergie haben sie da herein gequetscht ins Café.)

Die „Matissehaftigkeit“: Farbe, Ornament, Linien als Trost, als Seelenbalsam.

Chagall: Augendurstlöscher. Augenhungerstiller.

Vom Versuch, hier zu schreiben

Kaffeehausgedanken, Text

Warum nur – oh alle Höllen – wurde es so jung und hip? Ihr Arschlöcher! Wo sind die trübsinnigen alten Männer? All die Künstlichkeit, die kaugummikauende, silberbuntglitzernde, geschminkte, rauchende, gesichterschneidende Künstlichkeit – wer hält das aus?

Wie soll ich hier über sprachliche Untersuchungen schreiben, über Verletzlichkeit eben bei dem Versuch, sich unverletzlich zu machen?

Meine frisch gewaschenen Haare, meine ganze hellgelb-rosa Frische – aufgesaugt von Rauch und schwarzem Kaffee. Gut, die Schwärze des Kaffees und das Braun der Möbel, die ganze verschlissene Braunigkeit, der brennende Ofen ist ja gut, ist ja der ersehnte, dem Schreiben – der Schreibe – wegbereitende Raum.

(Sie erzählt mir meine Gedanken, mehr noch, meine Gefühle. Ich sehe sie gerne an, sie und ihn, ich sehe diese Menschen gerne an – und ihre Interaktionen. Ich kann nicht genug kriegen davon. Ich mag es, wie sie sanft und unsichtbar (so sehr, dass ich nie sicher sein kann, ob sie es wirklich tut) auf mich eingeht.)

(Nicht die Frage: „Was hast du heute für die Farbe getan?“ [Matisse], sondern: Was hast du heute für die Schwingung getan? Für die Harmonie? Für deine visuelle Umwelt/Umgebung?)

(Und so geht es durch die Augen ins Herz und aus dem Herzen durch die Augen.)

Der Sinn der Schreibe, der Sinn des Erlernens dieser Sprache ist, war: Unantastbarkeit, Unangreifbarkeit, Unverletztlichkeit – aber, so stellte sich heraus, beschreibe ich in meinem Text einen Prozess der stetigen Anreicherung, der stetigen Identitäts(neu)-Bildung durch Zerfallen und wieder Sammeln. Also Entblößung, Nacktheit und Wieder(neu)-Einkleidung, Entblößung und Maske.

Also: die Sichtbarmachung der Verletzlichkeit.