Neo – Biedermeier, Erwin Wurm und Twin Peaks

Foto, Text

Neo Biedermeier

[Wien, Sommer 2017]

Dieses Plakat hat mich überzeugt, dass wir in einer Art Neo-Biedermeier leben. Das gute Leben, slow food, Spezialläden wie „der affe und der bräutigam“ mit skandinavischer Kindermode und Frauenmode aus Ökostoffen für Bobo-Bedürfnisse. Ich bin natürlich auch Bobo. (Trotzdem fand ich das Kino unter Sternen im Augarten besser, als es noch den kroatischen Fischstand gab, daneben den Inder usw, noch nicht slow und man sich nicht anstellen musste.) Neo-Biedermeier, weil wieder: Sehnsucht nach heiler Welt, Rückzug in diese durch das Gefühl der Machtlosigkeit im Außen etc etc, darüber wurde sicher schon viel geschrieben.

Als Teenager sagte einmal ein Kollege meines Vaters zu mir (eigentlich zu ihm, neben mir, über mich): Ich sei so ein Biedermeier-Mädchen. Das hat mich damals ziemlich empört oder verstört. Ich fand Biedermeier scheiße. Verweichlicht die Ästhetik, die Mode, das Schönheitsideal.

Neo Biedermeier
[Palazzo Fortuny, Venedig, Sommer 2017]

Auf diesem Foto finde ich mich sehr biedermeier, ich mag mich nicht sonderlich darauf, was ich mag daran (im obersten Stockwerk des großartigen Palazzo Fortuny entstanden, also schon dementsprechend derangiert) ist, was ich immer suche und versuche und finde, was mich seltsamerweise beglückt: Eine Zum-Bild-Werdung, ein Sich-Hineinmalen in die Umgebung, mit der Umgebung eins werden, das ich als Malen-ohne-Malen bezeichne (das ist sowieso ein flüchtiger Zustand nur), wenn die Umgebung derart ist, dass man das will, wenn einem das Harmonie gibt oder Kraft, Durchlässigkeit also oder Erweiterung, indem man nämlich etwas von dieser Umgebung (Farbe, Schwingung) inkorporiert, durch sich durch strömen lässt, quasi transparent wird für einen Moment.

Ich weiß nicht, ob derart ästhetische Fragestellungen biedermeier sind, oder vielmehr vielleicht in den Tantrismus oder zu Patanjali gehören. Einswerdung (im Sinne von Verschmelzung, Auflösung) ist für ihn faschistisch, meinte Arno Böhler in seiner Patanjali-Vorlesung. Das verstehe ich bis jetzt nicht ganz, bzw schon, teilweise – teilweise habe ich eine andere Vorstellung von Einswerdung.

Ich habe leider die Erwin Wurm x Carl Spitzweg Ausstellung im Leopold versäumt, aber jetzt, wo ich mich heineinschreibe, heranschreibe, macht diese Zusammenschau für mich Sinn.

Erwin Wurm_achtsamkeitskunst.jpgösterreichischer Pavillionösterreichischer Pavillion II

[https://biennale.tumblr.com/post/164288127038/erwin-wurm-c-als-musiker-ist-noch-nicht-so/embed]

Ein Einswerden mit der Umgebung (eine momentane Pose mit ironischer Geisteshaltung, sprich: Distanz eingenommen), Kurzzeit-Verschmelzung, im Wissen, dass wirkliche Verschmelzung nicht möglich ist, dass es dann wieder ein Heraustreten ist, dass man dann wieder zu einem er wird und dort das Ding, der Koffer wieder zu einem Koffer usw und so geht man eigentlich ständig neue Verbindungen ein (der Wirkung von Materiellem – auch: Raum, auch: Licht – auf den Menschen, auf seine Stimmung, auf die Atmospähre ist sich jeder Architekt bewusst).

Es bahnt sich in mir eine versöhntere Beziehung zum Biedermeier an: für mich steht er auch für Langsamkeit, für ein Bewusstsein für diese Verschmelzungs-Momente (und dafür, dass sie immer nur momentane Aufenthaltsorte sind). Deshalb ist auch die Twin Peaks Welt (The Return 2017) – neben der veritablen Alptraum-Momente (meine Alpträume und David Lynch, das war seit langem gegenseitige Durchdringung, Inspiration, deshalb war er auch lange Zeit mein Lieblingsregisseur) für mich auch eine heile Welt: WTF?! Let me explain: Die Art und Weise, wie selbstverständlich mit dem Ungreifbaren umgegangen wird, wie das Mysteriöse mitlebt, ganz selbstverständlich, dass da Raum ist in den Gesprächen, dass die Menschen keine Masken tragen, dass sie einander zuhören, dass sie einander in ihrer Schrulligkeit akzeptieren, dass da Raum ist für Naivität (mindestens so viel wie für Grausamkeit), …. das ist für mich heile Welt.

 

 

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